Interview mit Frau Univ.-Doz. Dr. Barbara Schedl von der Universität Wien sowie Dr. Cornel Dora, Stiftsbibliothekar St.Gallen, Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats.

CG: Sehr geehrte Frau Dozentin Schedl, sehr geehrter Dr. Dora. Zusammen mit Herrn Prof. Tremp darf man Sie drei wohl aktuell als die besten Kenner des St.Galler Klosterplans bezeichnen, die Publikation von Frau Schedl ist aktuell auch zugleich die jüngste Monographie zum Klosterplan. Wir schätzen uns glücklich, Sie in unserem Beirat zu haben und freuen uns, Sie im Rahmen dieses Interviews unseren Besuchern vorstellen zu können!

Seit der Entstehung des Plans sind grob 1200 Jahre vergangen, was fasziniert Sie an einem „alten Stück Pergament“?

Dora: Zunächst einmal schon, dass es so alt ist. Bekanntlich ist ja aus dem Frühmittelalter nur wenig originales Material erhalten geblieben. Zum zweiten ist der Klosterplan natürlich ein ganz besonderes, einzigartiges Stück. Er gibt uns Informationen über eine frühmittelalterliche Gemeinschaft von Menschen, die wir sonst auf diese Weise nirgends haben. Und er ist und bleibt ein zentrales Referenzwerk für Bauten und archäologische Ausgrabungen der Karolingerzeit.

Schedl: Den Ausführungen von Herrn Dora darf ich mich anschließen. Für mich birgt dieses „alte Stück Pergament“ noch eine weitere Faszination, die sofort ins Auge springt – und da bin ich noch nicht beim Inhaltlichen – denn es ist sein Aussehen. Das betrifft zum einen seine Größe, also das Format und zum anderen die detaillierte Zeichnung und Beschriftung, also das Layout. Ich sehe ein Dokument vor mir, das aufgrund seines Großformates schwer zu fassen, halten und lesen ist und wenn ich endlich eine Möglichkeit gefunden habe, wie ich mich über den Klosterplan beugen kann, um ihn zu studieren, fasziniert mich die präzise Ausführung der Zeichnungen und der Schrift – also der Detailreichtum. D.h. um den Klosterplan studieren zu können, ist man zunächst „körperlich“ gefordert – man beugt sich über ein großes Manuskript, das am Tisch aufbereitet ist und dann benötigt man eine Lupe, um die Zeichnungen und Beschriftungen lesen zu können. Die digitalen Medien erleichtern uns dabei wohl die Arbeit, aber es ist unabdingbar auch die 1:1- Version in Form des Faksimiles neben sich zu haben, um sich mit dem Dokument und den Inhalten auseinander zu setzen.

CG: Der Klosterplan ist wohl eher ein Organigramm als ein Bauplan im heutigen Sinne. Beim Projekt Campus Galli wird aber eine reale Umsetzung angestrebt, wie sehr kann man sich dem Plan als Bauplan tatsächlich annähern?

Dora: Da hilft es wohl, wenn wir uns in die Mönche hineinversetzen, die dieses Organigramm entworfen haben: Reginbert von der Reichenau und seine Gesprächspartner auf der Reichenau und vielleicht auch in St. Gallen. Und wenn wir uns etwas befreien von der heutigen Vorstellung eines Bauplans oder Organigramms. Der Plan liegt irgendwo zwischen Organigramm und Architekturzeichnung. Er kann und soll von mindestens diesen beiden Richtungen her verstanden werden. Dann ist man seinem Zweck sicher nahe.

Schedl: Wir sollten uns dem „alten Stück Pergament“ nicht mit modernen Begrifflichkeiten nähern. Architekturzeichnungen, im Sinne eines Bauplanes (nach unseren heutigen Vorstellungen mit einer Maßstäblichkeit, Mauer/Wandstärken, Darstellungen der unterschiedlichen Ebenen, usw.) gibt es erst seit der Gotik. Und auch die Begrifflichkeit Organigramm ist schwer auf den Klosterplan zu übertragen; denn dabei geht es um eine grafische Darstellung einer Struktur oder einer Organisation. Der Klosterplan vereint, wenn man so will beides, und gibt darüber hinaus auch Auskunft über die Lebenspraxis und eine religiöse / sakrale Dimension. Die Lebenspraxis zeigt sich in der Darstellung einzelner Architekturdetails wie Bogenformen, Türeingänge, Stufen, Einrichtungsgegenstände und die religiöse / sakrale Dimension äußert sich in der Hierarchie der Gebäude, was die Größe sowie deren Detailgenauigkeit betrifft oder sie zeigt sich auch in so manchen Beischriften. Bei der Umsetzung des Klosterplans im Rahmen des Projektes Campus Galli, versetzen wir uns in die zeitspezifischen Vorstellung und dem Wissen der damaligen Gesellschaft; wir versuchen uns der frühmittelalterlichen Lebenssituation in seiner Gesamtheit zu nähern; wir beachten unter anderem handwerkliches Können der damaligen Zeit, das topographische Umfeld, die materiellen Ressourcen (Baumaterial, Holz, Landwirtschaft). Die Bauwerke werden nicht von links oben nach rechts unten wie sie am Klosterplan vorgegeben sind in kurzer Zeit in die Landschaft gestellt, sondern nach Dringlichkeit und den Bedürfnissen des frühmittelalterlichen Menschen – also wir berücksichtigen deren Alltag inklusive deren religiöse Vorstellungen.

CG: Hätte man Sie vielleicht auch für ein anderes mittelalterliches Bauprojekt begeistern können, oder ist es explizit der St.Galler Klosterplan der das Projekt für Sie interessant macht?

Dora: Der St. Galler Klosterplan ist schon ein sehr spezielles Stück, weil er eben auch große konzeptionelle und kulturelle Themen aufwirft. Das ist an diesem Projekt besonders faszinierend.

Schedl: Der Klosterplan ist ein singuläres Objekt, seine Inhalte prägten in der Folge das Mönchtum und ganze Kulturlandschaften Europas. Mit Begeisterung aber auch großen Respekt und Ehrfurcht bin ich diesem einzigartigen Dokument zugetan.

CG: Sind wir mit der Erforschung des Klosterplans am Ende? Wissen wir inzwischen alles was es daraus zu erfahren gibt, oder gibt es noch brennende aktuelle Fragen an das Dokument selbst (also nicht die Umsetzung betreffend)?

Dora: Ich gehöre nicht zu denen die sagen, der Plan sei überforscht. Barbara Schedl hat in den letzten Jahren verschiedene neue Erkenntnisse in die Diskussion eingebracht – gerade was die Entstehung des Plans betrifft. Vom Ende der Diskussion kann keine Rede sein. Es gibt immer wieder neue Fragestellungen, und der Plan ist Rätsel genug, um die Forschung immer wieder anzuregen.

Schedl: An dieses „alte Stück Pergament“ wird man noch zahlreiche Fragen stellen. Ich denke, dass der Klosterplan noch viele, viele Generationen an Experten aller Fachrichtungen beschäftigen wird und diese Auseinandersetzung mit unserem kulturellen Erbe ist etwas sehr, sehr Positives.

CGVielen Dank für die Beantwortung der Fragen!

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