Vorgeschichte

Der Mönch Theophilus Presbyter schrieb zu Beginn des 12.Jh. ein Buch über die Handwerkskunst seiner Zeit. Theophilus schilderte darin auch das Herstellen einer Glocke, deren Machart durch archäologische Funde bereits für das 9. Jahrhundert nachgewiesen ist. Unter der Leitung von Bastian Asmus wollten wir eine solche Glocke gießen und damit einerseits die Machbarkeit von Theophilus‘ Anleitung und die Funktionalität der geschilderten Materialien überprüfen, andererseits aber auch eine nutzbare Glocke für unser Kloster erzielen.

Erste Versuche

Im Rahmen des Themenwochenendes „Feuer“ im Jahr 2015 stellte Dr.Bastian Asmus eine erste Gussform für eine solche Glocke her. Noch im gleichen Jahr erfolgte ein erster Gussversuch, der viele wissenschaftliche Fragen beantwortete, am Ende aber wegen eines „Flüchtigkeitsfehlers“ eine unvollständige Glocke lieferte. 2016 wurde der Versuch nochmals wiederholt, auch dabei gelang es jedoch nicht eine vollständige Glocke zu produzieren. Ein wenig frustriert gönnten wir uns eine Verschnaufpause, uns allen war jedoch klar, dass wir die Sache zu Ende führen wollten. Auch von Besuchern wurden wir häufig auf die Gussversuche angesprochen, alle drückten uns die Daumen dass das Projekt bald seinen Abschluss finden würde.

Aller guten Dinge sind drei

Die vorhergehenden Versuche eine Glocke zu gießen, hatten uns viel gelehrt und so wollten wir im dritten Versuch, 2018, nichts mehr dem Zufall überlassen. Bereits über den Winter bauten wir aufwändige Dächer, die künftig als „Laboratorium“ genau für solche Aktionen eine relativ wetterunabhängige Versuchsfläche im Trockenen bieten.

Andreas beim Herstellen der Lochplatte für den Schmelzofen.

Das Sortieren der Holzkohle – eine mühsame Fleißarbeit!

In der Woche des Glockengusses waren dann alle Mitarbeiter von Campus Galli voll auf die Vorbereitungen fokussiert, es wurde u.a. fleissig Lehm transportiert, gemagert und gestampft, eine Grube ausgehoben usw.

Dieses Mal sollte der Ofen etwas größer werden, um darin in drei Tiegeln 60 Kilogramm Bronze zu schmelzen. Da die Glocke auf ein Gussgewicht von etwa 45 Kilogramm berechnet war, war damit jede Menge Überschuss eingeplant, sollte wieder irgend etwas Unvorhergesehenes geschehen!

Brennholz wurde herangeschafft und damit die fertige Gussform drei Tage und drei Nächte gebrannt um alle Feuchtigkeit zu verdrängen. Viele Mitarbeiter und ehrenamtliche Helfer erklärten sich freiwillig bereit, die Feuerwache in der Nacht zu übernehmen! Schon im Vorfeld des Gusses merkte man, dass alle an einem Strang zogen, keinem etwas zuviel war, jeder gab sein Bestes um den Glockenguss erfolgreich abzuschließen.

Damit die Besucher eine gute Sicht auf das Geschehen hatten, wurde eine Tribüne aufgebaut. Die Sparkasse Pfullendorf-Meßkirche spendete zu diesem Anlass einen Geldbetrag, womit die Miete einer Tribüne überhaupt erst möglich wurde, dafür unseren allergrößten Dank!

Wartezeiten inklusive

Die Besucher hatten von der Tribüne einen guten Blick auf das Geschehen. Immer wieder wurde der Glockenguss und der aktuelle Stand erklärt.

Das genaue Terminieren des Zeitpunkts, an dem die Bronze so flüssig ist, dass sie in die Form gegossen werden kann, ist nicht genau bestimmbar. In den vorhergehenden Versuchen waren wir stets überrascht gewesen, wie schnell die Bronze flüssig war, es dauerte nur 5-6 Stunden. So versuchten wir ein grobes Zeitfenster für den Guss mit „später Nachmittag“ einzugrenzen.

Diesmal jedoch wollte der Ofen nicht so recht in Wallung kommen, er „zog“ nicht. Ursache dafür war die Holzkohle, die wir wie beim letzten Versuch zugekauft hatten, die diesmal aber trotz gleichem Hersteller ein völlig anderes „Kaliber“ hatte. Ideal wären faustgroße Stücke gewesen, damit die Luft leicht durch die Kohle hindurchströmen kann. Tatsächlich waren aber nur Brösel bis 3cm länge in den Säcken: wir waren kurz in Panik! Würden wir wieder scheitern? Ein paar Freiwillige starteten schnell um andere Kohle zu besorgen, die dann auch gerade noch rechtzeitig eintraf. Der Ofen entwickelte dann schnell mehr Temperatur und die Spannung stieg. Es wurde nun Zeit die Abläufe, die bisher besprochen worden waren, einmal als Trockenübung durchzuführen: Wer steht wo, läuft welchen Weg, wo liegt was bereit oder kann abgelegt werden?

„Hals- und Beinbruch“

Um etwa 20:30 Uhr prüfte Bastian mit einem Holzstab wieder einmal die Konsistenz der Bronze, und das Publikum und die Mitarbeiter hielten gespannt den Atem an um sein Urteil zu hören. Freudige Unruhe brach aus, als klar wurde, dass das Warten ein Ende hat! Alle Beteiligten legten die moderne Schutzausrüstung aus alubedampften Schürzen und Handschuhen sowie Helme mit Visier an.

Und dann musste es klappen! Ein erster Tiegel wurde aus dem Ofen gezogen, die Oberfläche von Kohle und Schlacke befreit, und Bastian Asmus goss den ersten Tiegel selbst in die Form. Währenddessen musste der zweite Tiegel gezogen und die Bronze vom aufschwimmenden Dreck gesäubert werden, sodass es zwischen dem Eingießen der Tiegel keine Unterbrechung gab. Auch der zweite Tiegel war in der Form, und der dritte bereits beim Eingießen. Kurz füllte sich der Eingusstrichter der Gussform und es sah so aus als ob die Form voll wäre, dann trat seitlich plötzlich Bronze aus dem Boden aus: die Form hatte ein Leck, war durch den Druck des flüssigen Metalls offensichtlich oben am „Hals“ gebrochen.

Ende gut, alles gut

Nach einem kurzen Schockmoment und der Furcht eines erneuten Scheiterns, schüttelten alle die Schreckensstarre mit ein paar Flüchen ab, und während Helfer mit Holzlatten das Erdreich festdrückten, füllte Bastian weiter Bronze nach. Mit dem allerletzten Schluck Bronze aus dem dritten Tiegel war die Form dann auch endlich voll und die Anspannung fiel ab.

Unter der Lehmkruste der frisch gegossenen Glocke lässt sich bereits ein Teil der Inschrift erkennen. Foto: Reinhard Kungel

War der Versuch geglückt? Bastian war anfänglich noch sehr skeptisch ob die Form überall vollgelaufen war. Doch beim anschließenden Auspacken der Glocke zeigte sich nach und nach, dass es geklappt hatte! Durch den Riss in der Gussform hatte die Glocke am Eingusstrichter zwar eine Art „Auswuchs“ wo die Bronze ausgetreten war. Dieser ließ sich aber leicht entfernen. Selbst die kleinen dekorativen Elemente wie das Kreuz und die Inschrift waren gut abgebildet worden.

Feinschliff

Die Glocke ist in ihrer rohen Form noch bis Ende der Pfingstferien auf dem Gelände zu sehen. Danach geht sie zu Bastian in die Werkstatt, da noch etwas Nacharbeit nötig ist: Die Oberfläche muss noch von ein paar Graten befreit und geschliffen werden, bevor sie dann im Herbst (vermutlich Mitte Oktober) aufgehängt werden kann.

 

 

3 Comments

  • I am extremely happy that the bell casting was finally successful. Once again, it is proven how much knowhow is involved in replicating old crafts, of which a lot is lost and needs to be rediscovered by trying out these old processes. It is very brave of Campus Galli to keep trying until full success and to document this for the public and the experts. Thank you very much for this historical experiment! May the bell of the Campus Galli chapel ring for many years to come!!
    PS. Campus Galli is an important source of information for our scientifically correct virtual reconstructions of the past

  • Liebes Campus Galli Team,
    auch für meine Mitarbeiter und mich war es eine großartiges Erlebnis auf dem Campus. Der Bericht gibt mir noch einmal die Gelegenheit euch mitzuteilen, wie sehr ich von der super Leistung der Campus Galli Mannschaft beeindruckt war. Ohne diese Art von Zusammenarbeit klappt es eben nicht! Auf bald!
    Es grüßt euch,
    Bastian Asmus

    • Campus Galli sagt:

      Danke Bastian! Es ist wirklich eine tolle Zusammenarbeit, für die auch wir uns ganz herzlich bedanken möchten! Auf dass noch viele gemeinsame Projekte kommen mögen!

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