Erntefeste und Dank für die Ernte sind weltweit aus vielen Kulturen und Religionen bekannt. Im Alten Testament werden jüdische Feste genannt, die mit der Ernte in Zusammenhang stehen, wie das Wochenfest (Schawuot, Mai/Juni) zur Getreideernte und das Laubhüttenfest (Sukkot, September/Oktober) zur Weinlese. Erntefeste sind auch für die antiken Griechen und Römer bezeugt. Vor der Christianisierung dürfte es auch bei der heidnischen germanischen Bevölkerung Mitteleuropas Bräuche wie Dankopfer und Feste zur Erntezeit gegeben haben, auch wenn darüber wenig Genaues bekannt ist.

So stellt sich die Frage, ob – oder besser wie –  in der Karolingerzeit Bräuche wie Dankgebete und Erntefeste begangen wurden. Hier kann man mehr vermuten und spekulieren als gesichertes Wissen zusammentragen. Unser heutiges Erntedankfest, das in der evangelischen und der katholischen Kirche meist am ersten Sonntag im Oktober gefeiert wird, hat es jedenfalls so in der Karolingerzeit noch nicht gegeben. Die Ernte fand je nach Region und Klimazone zu verschiedenen Zeitpunkten statt. Und wenn man sich die Verteilung der Arbeiten im Jahreslauf genauer ansieht, dann gibt es genau genommen mehrere, verschiedene Ernten (Getreideernte, Weinlese, Obst etc.). Vielleicht sind das Gründe dafür, dass sich ein Dankesfest für die gesamte Ernte mit einem einheitlichen Termin im Mittelalter noch nicht entwickelt hatte.

Man kann es zwar nicht nachweisen, aber man kann es sich gut vorstellen: Nach der Ernte wollte man seine Dankbarkeit ausdrücken, aber auch das Ende einer arbeitsreichen Zeit ausgelassen feiern. Es gibt z.B. Hinweise auf Gastmähler, die Grundherren für ihre hörigen Bauern ausgerichtet haben, warum also sollten nicht auch Erntefeste gefeiert worden sein? Diese Fest müssen auch keinen kirchlichen Kontext gehabt haben, sondern können bäuerliche, nicht-kirchliche Erntefeste gewesen sein. In heutiger Zeit ist im süddeutschen Raum das Fest der Sichelhenke bzw. Sichellege bekannt, bei der man das Ende der Getreideernte feiert. Solche Feste werden und wurden auch von Grundbesitzern und Gutsherren für die Erntehelfer ausgerichtet. Möglicherweise hat man ähnliche Feste auch im frühen Mittelalter abgehalten.

Möglicherweise haben bei solchen Festen auch einige vorchristliche Traditionen weitergelebt. So haben einige Erntedankbräuche offenbar einen heidnischen Ursprung und wurden erst allmählich in das christliche Fest integriert. Die Sitte, Erntegaben auf dem Altar der Kirche abzulegen, war im frühen Mittelalter zunächst verboten, was darauf hin weisst, dass es sich um eine christliche Umdeutung eines alten vorchristlichen Brauches handeln dürfte. Das Ablegen von Erntegaben auf dem Altar ist dabei aber nichts völlig Neues und bei den Juden bereits im Alten Testament bezeugt.

Es gibt mehrere Feste und Termine, die vielleicht als eine Art Vorläufer des Erntedankfestes betrachtet werden können:

  • Die Quatember sind Feiertage, die die vier Jahreszeiten einleiten. Es sind jeweils Mittwoch, Freitag und Samstag. Man darf sich die Herbstquatember nicht als ausgelassenes Erntefest mit einem Festmahl vorstellen, denn es sind zwar Dankestage, aber auch Bet-, Buß- und Fastentage. Die Quatember haben ihre Wurzeln in Rom und sind seit dem 3. Jh. bezeugt. Die Herbstquatember wurden im 11. Jh. auf den Mittwoch, Freitag und Samstag nach dem Fest der Kreuzerhöhung (14. September) festgesetzt, heute werden sie im deutschsprachigen Raum in der katholischen Kirche im Oktober gefeiert.
  • Es gab im Mittelalter Votivmessen mit einer Segnung der Erntegaben, die meistens Ende September/Anfang Oktober gefeiert wurden.
  • Bartholomäus am 24.8. Bartholomäus war einer der zwölf Apostel. Dieser Tag gilt nach einer alten Bauernregel auch als Herbstanfang. Hier gibt es möglicherweise einen Zusammenhang mit dem Herbstanfang am 22.8., den Isidor von Sevilla (7. Jh.) als den Herbstanfang der antiken Römer nennt, ein Autor, der auch in der Karolingerzeit bekannt war und gelesen wurde.
  • Mariä Himmelfahrt am 15. August. Seit dem 10. Jh. ist an diesem Tag die Kräuterweihe nachweisbar, die als Ersatz für ältere heidnische Kräuterbräuche eingeführt wurde.
  • Martin am 11. November. An diesem Tag wurden häufig Abgaben der hörigen Bauern an die Grundherren abgeliefert. Die Bauern kamen mit ihren Gütern, meist Getreide, Tiere oder Textilien, zu den Herrenhöfen, und bei dieser Gelegenheit konnten sie auch untereinander Handel treiben. So entwickelten sich Märkte, die es mancherorts als Martini-Märkte heute noch gibt.

Unter dem Einfluss dieser Feste entstand zur Reformationszeit das Erntedankfest, zunächst zu unterschiedlichen Terminen, und zunächst bei den Protestanten. Heute hat sich weitgehend der erste Sonntag im Oktober als Termin durchgesetzt. Das Erntedankfest ist das einzige kirchliche Fest, das sich auf die natürlichen Jahreszeiten bezieht. Neben dem Dank für die Ernte oder für die Schöpfung allgemein geht es auch um das Teilen mit denen, die nicht genug zum Leben haben.

(Quellen: Religion in Geschichte und Gegenwart (4)1999; Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde; Lexikon für Theologie und Kirche; Theologische Realenzyklopädie; www.wikipedia.de)

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