Der Klosterplan

Ein einzigartiges Stück Geschichte

Der St. Galler Klosterplan ist einzigartig! Trotz der vielen Bauwerke, die zu dieser Zeit entstanden, ist kein anderer Bauplan aus dem frühen Mittelalter bekannt, der Klosterplan ist die älteste überlieferte Architekturzeichnung des Abendlandes. Gezeichnet wurde der Plan von Mönchen vor dem Jahr 830 n.Chr., auf der Insel Reichenau im Bodensee. Benannt ist er nach dem Ort St. Gallen, für den er ursprünglich geschaffen wurde und in dessen Stiftsbibliothek er bis heute liegt.

Der Klosterplan mit seinen 52 Gebäuden und vielen Details, hat eine bewegte Geschichte. Entstanden ist er aus fünf nach und nach angenähten Pergamentblättern. Seine Rückseite wurde ca. 400 Jahre später von einem Mönch dazu verwendet, das Leben des Heiligen Martin aufzuschreiben, bei genauem Hinsehen kann man die Schrift an vielen Stellen durchscheinen sehen. Nur wegen dieser Martinsgeschichte blieb der Plan erhalten, als unbeachtete „Rückseite“! Die vielen Faltungen und ein im 19. Jahrhundert fehlgeschlagener Restaurationsversuch, geben dem Plan sein heutiges Aussehen.

Ein ausführlicher Text befindet sich unter dem Plan.
Berühren Sie mit der Maus die im Plan verzeichneten weißen Punkte, um eine Beschreibung des entsprechenden Gebäudes zu lesen.

Der St. Galler Klosterplan wurde nach dem Ort benannt für den er geschaffen wurde und in dem er seitdem auch in der Stiftsbibliothek liegt. Er ist dort unter der Signatur „Cod. Sang. 1092“ zu finden, wurde dort aber nicht gezeichnet. Die Untersuchungen der Schriften auf dem Plan haben die Reichenau als den Entstehungsort enthüllt. Als Urheber des Planes gelten zwei Personen, da die Beischriften des Plans von zwei unterschiedlichen Personen stammen. Reginbert, Bibliothekar der Reichenau, gilt sicher als einer der Autoren der Beischriften. Ein jüngerer Schreiber, sein Schüler Walafrid Strabo (auch Walahfrid oder Walahfried), war möglicherweise der andere1.

Im frühen 9. Jahrhundert, in der Zeit vor 830, ist der Klosterplan entstanden2. Die Widmung des Plans verweist auf Gozbert als Empfänger, der als Abt in St. Gallen 830 mit dem Bau des Gozbert-Münsters begonnen hat3. Der Plan ist demnach schon vorher entstanden.

Der Klosterplan mit seinen 52 Gebäuden4 besteht aus fünf zusammengenähten Pergamentblättern. Über DNA-Analysen haben Wissenschaftler festgestellt, dass das Pergament aus der Haut von Schafen hergestellt wurde5. Zusammen haben diese fünf Pergamentblätter eine Größe von 112 cm mal 77,5 cm.

Die Bedeutung des Plans

Der St. Galler Klosterplan ist der einzige Bauplan, der aus dem frühen Mittelalter erhalten ist. Der Bauplan des Klosters Christchurch in Canterbury, der als der nächstjüngere gilt, stammt aus dem 12. Jahrhundert6.

Die Bedeutung des Planes erschließt sich schnell bei genauerer Betrachtung des Plans. Dargestellt werden etwa 50 Gebäude in ihrer Lage, ihrer Größe und ihrer Funktion. In nicht wenigen Gebäuden finden wir Darstellungen von der Inneneinrichtung, Betten, Tische und vieles mehr. Damit liefert er eine Beschreibung eines Klosters mit den Bedürfnissen seiner Einwohner. Der Zeichner des Plans stellte die Anordnung der Gebäude dar, wie es ihm für ein größeres Kloster nach der Regel des heiligen Benedikts ideal erschien. Der Plan gibt damit auch einen tiefen und einzigartigen Einblick in nahezu alle Bereiche des klösterlichen Lebens, in die Planung von Bauwerken und Architektur vor 1200 Jahren.

Die Zeit des Klosterplans

Viele bedeutende Ereignisse und Entwicklungen prägten das frühe 9. Jahrhundert. Das Reich der Karolinger erreichte in der Regierungszeit Karls die größte Ausdehnung, Karl starb 814. Sein Sohn Ludwig der Fromme beteiligte seine drei Söhne an der Herrschaft, was immer wieder zu Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen ihnen führte. 843, drei Jahre nach dem Tod Ludwigs führte dies zur Reichsteilung7.

Eine andere Gefahr drohte in der Gestalt der Wikinger aus dem Norden, die ab Mitte des 8. Jahrhunderts immer wieder an fremden Küsten auftauchen. Obwohl es im Zuge dessen bereits zu Auseinandersetzungen kommt, gilt in der Wissenschaft der Überfall auf das Kloster Lindisfarne (793 AD) an der Nord-Ost-Küste Englands als eigentlicher Beginn der „Wikingerzeit“. Die Wikinger bedrohten auch das Frankenreich und im Jahr 834 begannen die großen Überfälle der Wikinger auf dem Kontinent, die 77 Jahre lang anhalten sollten8.

Aber diese Zeit wurde nicht allein durch das Chaos von Kriegen und Überfällen geprägt. Die Karolinger übernahmen Verwaltungsaufgaben und sprachen Recht in den Königssitzen (sedes regiae) oder Pfalzen, zwischen denen sie hin und her reisten9. In den Klöstern förderten sie die Kultur und Bildung (Karolingische Renaissance) 10.

Die christliche Religion war den Menschen teilweise noch neu, etablierte sich in dieser Zeit jedoch immer stärker im Frankenreich. Insbesondere in Nordeuropa war die Missionierung und Christianisierung aber noch nicht abgeschlossen11. Die missionierten Gebiete wurden in Bistümer aufgeteilt. Klöster wurden gegründet oder ausgebaut, wie auch das St.Galler Kloster, und reich mit Land beschenkt. Neugegründete Kirchen wurden mit Reliquien aus Rom und aus dem Gebiet des heutigen Frankreich ausgestattet12. Das Karolingerreich erlebte seine Blütezeit13.

1Tremp, E. – Der St. Galler Klosterplan, S. 4

2Tremp, E. – Der St. Galler Klosterplan, S. 4

3Tremp, E. – Der St. Galler Klosterplan, S. 9ff

4Tremp, E. – Der St. Galler Klosterplan, S. 18

5Tremp, E. – Der St. Galler Klosterplan, S.11

6Vgl. Grewe, K. – Der Wasserversorgungsplan des Klosters Christchurch in Canterbury (12. Jh.) und Tremp, E. – Der St. Galler Klosterplan, S.4

7Goetz, H.-W. – Europa im frühen Mittelalter 500 bis 1050, S. 67f

8Graf Oxenstierna, E. – Die Wikinger, S. 38 und 51

9Goetz, H.-W. – Europa im frühen Mittelalter 500 bis 1050, S. 25

10Goetz, H.-W. – Europa im frühen Mittelalter 500 bis 1050, S. 64

11Goetz, H.-W. – Europa im frühen Mittelalter 500 bis 1050, S. 211ff

12Goetz, H.-W. – Europa im frühen Mittelalter 500 bis 1050, S. 212f

13Goetz, H.-W. – Europa im frühen Mittelalter 500 bis 1050, S. 25; 60 und 64